Konzept zum Humboldt-Kolleg 開催概要

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Humboldt-Kolleg “Bilder als Denkmittel und Kulturform – Aby Warburg, Technische Bilder und der Bildakt”

09.–10. April 2016, Universität Tokio, Japan

Veranstalter: Dr. Yasuhiro Sakamoto & Prof. Dr. Jun Tanaka

Mittels Anschauung suchte der Weltwissenschaftler Alexander von Humboldt, den Kosmos zu verstehen. Nicht nur der Gegenstand der Beobachtung interessierte ihn, sondern auch dessen Entstehungsprozess sowie der Anteil des denkenden Menschen an seiner Wahrnehmung. Die Humboldt’sche Weltforschung und die an Aby Warburg anschließende Bildwissenschaft zeigen hierin insofern eine Wahlverwandtschaft, als sie einerseits Natur- und Kulturwissenschaft gleichermaßen umgreifen, andererseits äußere Anschauung und innere Erkenntnis vom Bild her konzipieren. So erlauben es Bilder, Gegenstände innerlich vorzustellen, sind dabei aber zugleich Momentaufnahmen von gesetzmäßig ablaufenden Naturprozessen. Im Falle eines von einem Künstler gemalten Gemäldes wird nicht nur das Abgebildete gezeigt, sondern auch die Wahrnehmungs- und Ausdrucksweise des Künstlers implizit mitdargestellt. Technische Bilder wiederum werden durch Codes, Algorithmen sowie wissenschaftliche Konventionen generiert. Sogar wenn die Natur selbst scheinbar zufällige Formen produziert, wie bei Schichtungen von Sedimentgesteinen oder Blattnervaturen, steht ein präzise bestimmbarer geologischer oder klimatischer Prozess für deren Regelhaftigkeit ein. Bilder sind immer in zeitliche und räumliche Kontexte eingebettet. Sie sind gleichzeitig von einer Vorgeschichte geprägt und in einen situativen Zusammenhang eingestellt.

Im Unterschied zur Sprache wird Bildern oft eine allgemeine, intuitive, visuelle Verständlichkeit zugeschrieben. Obwohl dies für bestimmte Kommunikationssituationen zutreffen mag, gehören sie doch kultur- und fachspezifischen Diskursen an, die sowohl ihre Entstehungsweise als auch die ihnen entsprechenden Wahrnehmungsgesetze bedingen. Das Fachgebiet der Bildwissenschaft bietet hierfür einen methodischen Rahmen, der es erlaubt, integrative Fragestellungen zu Bild, Bildgebung und Bildwahrnehmung zu entwickeln, die sich nicht nur an Kunst- und Kulturwissenschaftler, sondern auch an Ingenieur-, Lebens- und Naturwissenschaftler sowie Künstler und Gestalter richten.

Im Gegensatz zur deutschen Bildwissenschaft hat die japanische Bildforschung charakteristische Schwerpunkte gesetzt, die aus der eigenen visuellen Kultur erwachsen sind und im europäischen Diskurs keine Entsprechung finden. Die zugrundeliegenden Annahmen finden dabei in so unterschiedlichen Medien wie Malerei, Druckgrafik (Ukiyo-e; z.B. Hokusai, Hiroshige), buddhistischen Zen-Gärten oder japanischen Manga und Zeichentrickfilmen (Anime) Niederschlag. Bei der Interpretation eines Landschaftsbildes etwa lassen sich strukturelle Unterschiede exemplarisch aufzeigen: Während Landschaft in Europa oft eine starke politische Konnotation aufweist[1], wird das Wort in Japan als Fū-Kei übersetzt, also eine Szene in der Luft, die sich nicht auf die physische Realität bezieht, sondern eine Vorstellung vor dem geistigen Auge stimuliert. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die atmosphärische Anlage des japanischen Kare-san-sui-Gartens. Zwar ist dieser äußerlich mittels Stein und Sand zu einem Bild gestaltet, soll aber gleichzeitig zu einem individuellen Bild im Inneren anregen. Eine ähnliche auf Innerlichkeit abzielende Bildlichkeit zeigt sich auch in den Beschreibungsgedichten des Haiku (17 Zeichen, 5-7-5 Rhythmus und Zäsur) und Tanka (31 Zeichen, 5-7-5-7-7 Rhythmus und Zäsur), die auf eine Wechselwirkung zwischen sprachlicher Beschreibung und visuellem Eindruck durch Rhythmus abzielen. Die damit einhergehende Vorstellungsfreiheit erweitert den Bildbegriff und verkompliziert seine bildwissenschaftliche Erforschung.

Seit einiger Zeit finden insbesondere Aby Warburg und seine kulturwissenschaftliche Methode große Aufmerksamkeit in der japanischen Wissenschaft.[2] Sie haben dabei Umdeutungen erfahren, die aus den Eigenheiten der ostasiatischen Bildtradition erwachsen. Warburg soll deshalb den Ausgangspunkt für einen interkulturellen Dialog bilden, der sich in Horst Bredekamps Fragestellungen zu technischen Bildern[3] und dem Bildakt fortsetzt. Sie werden Anlass geben, das gedankliche und handlungstreibende Potenzial von Bildern in seinen verschiedenen kulturellen Ausprägungen neu zu überdenken. In Rechnung zu stellen sind spezifische Kontexte, in denen Bilder nicht nur als anthropologische Konstanten agieren, sondern selbst implizite Annahmen mitvermitteln. Die einhergehende Perspektivierung bildwissenschaftlicher Kategorien und Wirkprinzipien ist in der Forschung bisher Desiderat geblieben. So mag es nicht überraschen, dass jüngere Ausstellungen zum Werk Hokusais sowohl in Japan als auch in Deutschland sehr erfolgreich waren. Gleichwohl ist zu berücksichtigen, dass sich die ausgestellten Druckgrafiken (Ukiyo-e) dabei in unterschiedlichen Wahrnehmungstraditionen bewegen und auf je eigene Weise ästhetische Anziehungskräfte entwickeln.

Der wissenschaftliche Anspruch Alexander von Humboldts, die Welt nicht im Studierzimmer, sondern in zahlreichen Forschungsreisen aus eigener Anschauung zu erkunden, ist für die Bildwissenschaft noch einzulösen. So offenbaren sich nach Humboldt die Gesetze des Kosmos aus den Gesetzen seiner Anschauung, die Einzelperspektiven und kulturelle Unterschiede einschließen. Dieses aus kultureller Vielfalt erwachsende Spannungsmoment soll in unserem Symposium für die Frage der Bilder fruchtbar gemacht werden.

Erstmalig soll die Bildwissenschaft im Rahmen der japanischen Kunst- und Kulturwissenschaft zur Diskussion gestellt werden. Das Symposium wird als Initialzündung für einen deutsch-japanischen Dialog dienen, den wir in zukünftigen Projekten fortzuführen hoffen.

Dr. Yasuhiro Sakamoto & Prof. Dr. Jun Tanaka

 

[1] Martin Warnke: Politische Landschaft. Zur Kunstgeschichte der Natur, München: Hansa, 1992.

[2] Jun Tanaka: Aby Warburg. Das Labyrinth des Gedächtnisses, Tokyo: Seitosha, 2001.

[3] Horst Bredekamp, Birgit Schneider und Vera Dünkel (Hg.): Das Technische Bild, Berlin: Akademie Verlag, 2008.; Yasuhiro Sakamoto, Reinhart Meyer-Kalkus, Horst Bredekamp, Gabriele Werner, Matthias Bruhn (Hg.): Bildwelten des Wissens, Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik. Band 10,2 „Bild Ton Rhythmus“, Berlin: De Gruyter, 2014.

 

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