Konzept zum Humboldt-Kolleg

 

Humboldt-Kolleg  “Neuronale Geisteswissenschaften und empirische Ästhetik”

18.–19. Mai 2019, Universität Tokio, JapanHK.jpg

 

 

Motivation

Japan, das zu besuchen Alexander von Humboldt niemals geschafft hat, liegt von Europa aus gesehen auf der anderen Seite Südamerikas, also auf der anderen Seite desjenigen Naturraums, in dem Humboldt seine weltwissenschaftliche Anschauung entwickelt hat. Japan ist nicht nur geographisch gesehen die letzte Station des Ostens, sondern auch eine Art letzte Station in der Ausbreitung neuer wissenschaftlicher Ideen und Theorien und als solche ein intellektuelles Sammelbecken. Geistige Inhalte aus aller Welt laufen dort zusammen und bilden eine neue Form des Wissens. Eines der Resultate dieser geographischen und kulturellen Sonderstellung ist ein fruchtbarer vielsprachiger Übersetzungsmarkt, der unabhängig von individuellen Moden in den Wissenschaften des Westens eine Stabilisierung intellektueller Grundlagen ermöglicht und eine der Voraussetzungen für die wissenschaftshistorisch geprägte Betrachtung unterschiedlicher Konzepte, Theorien und Ideen in der japanischen Wissenschaftslandschaft ist. Diese Mischung aus intellektueller Auseinandersetzung und gleichzeitiger Distanz, die einerseits aus der Globalisierung, andererseits aber aus der räumlichen und kulturellen Positionierung bestimmter Wissenschaftsschwerpunkte erwächst, erlaubt es der japanischen Forschungslandschaft, zeitgenössische europäische Wissenschaftsdiskurse mit einem ‚frischen‘ Blick sorgfältig, aber zugleich kritisch zu betrachten. Dieses besondere Potential gerade der japanischen Geisteswissenschaften, das in vieler Hinsicht ein Alleinstellungsmerkmal darstellt, kann jedoch nur aus einer engen Vernetzung von Erkenntnissen am rechten Ort entstehen. Ein Beispiel für eine solche Vernetzung ist das bildwissenschaftlich orientierte Humboldt-Kolleg 2016 Tokio zusammen mit Horst Bredekamp und Karl Clausberg, das eine neue gemeinsame Anschauung von Kultur und Denken hervorgebracht hat. Die Gelegenheit zu einem fachübergreifenden Austausch über die neuesten Entwicklungen der deutschen Wissenschaft hat zudem die Vernetzung der japanischen Humboldtianer/-innen gestärkt. Um die Perspektive der japanischen Natur- und Geisteswissenschaften auf zeitgenössische Wissenschaftsdiskurse international sichtbarer zu machen, die damals begründeten Vernetzungen der japanischen Humboldtianer/-innen zu vertiefen und den gemeinsamen Diskurs um weitere Forscher/-innen zu ergänzen, planen wir ein weiteres Humboldt-Kolleg. Im Mittelpunkt des Symposiums sollen „neuronale Geisteswissenschaften“ stehen, wie sie in der sogenannten „empirischen Ästhetik“ vertreten sind, die (wie die Bildwissenschaft) mit Hilfe disziplinübergreifender Theorien und Methoden Zugang zu Eigenschaften und Wirkweisen ästhetischer Phänomene zu gewinnen versucht. Die Vertreter/-innen der neuronalen Geisteswissenschaften sowie der empirischen Ästhetik sind gegenwärtig über verschiedene Disziplinen und Länder verstreut. Ziel ist es, möglichst viele Humboldtinaner/-innen, die in den Bereichen Literatur, Kunst, Musik, Ästhetik und Wahrnehmung arbeiten, in unserem Symposium unter einer fachübergreifenden Fragestellung zusammenzubringen.

Fokus „Wissenschaft und Ästhetik“

Alexander von Humboldt verfolgte das Ziel, Wissenschaft und Ästhetik in Einklang zu bringen[1]: als Wissenschaftler mit einer starken Affinität zu den Künsten, besonders zur Musik, war er der Auffassung, dass der Schlüssel zur Betrachtung ästhetischer Phänomene in der Verbindung verschiedener Erkenntnisansätze gesucht werden müsse.Humboldts Traum von einer integralen Betrachtung der Ästhetik als ganzheitlichem Phänomen wurde besonders seit den 80er und 90er Jahren in den Wissenschaften noch einmal intensiv thematisiert – trotz wiederholter Kritik an seinem Ansatz und obwohl Kunst und Ästhetik als Forschungsgegenstand der Natur- und Lebenswissenschaften bis heute nicht recht Fuß fassen konnten. Entscheidend für diese Wiederaufnahme waren Fortschritte in der Entwicklung von Messtechniken, mithilfe derer bestimmte Aspekte menschlicher Wahrnehmung erfasst und abgebildet werden konnten. Diese Wende ermöglichte es der auf das Objekt fokussierten Ästhetik, wieder verstärkt die Perspektive des Rezipienten in den Blick zu nehmen, was zu der Herausbildung neuer und der Institutionalisierung älterer Forschungsfelder führte, die zeitgenössische Wahrnehmungsforschung mit der Analyse von Kunstwerken und ästhetischer Theorie zusammenzubringen versuchten. Zu nennen sind die empirische Ästhetik in der Nachfolge Gustav Theodor Fechners, die Arnheims Kunstpsychologie und Gombrichs auf Wahrnehmungspsychologie basierende Bildanalyse methodisch verfeinert; die Neuroästhetik, die durch Kunstwerke verursachte Aktivierungen des Gehirns mittels fMRT beobachtet, also eher physiologisch als ästhetisch motiviert an Kunstwerke herantritt; die von Olaf Breitbach und Barbara Stafford entworfene Neuronale Ästhetik; und Karl Clausbergs neuronale Bildwissenschaften. In der Folge wurden in den letzten Jahren im Zeichen der interdisziplinären Vernetzung der Wissenschaften mehrere Versuche unternommen, einen verstärkten Austausch zwischen Geistes- und Naturwissenschaften herbeizuführen, aber abgesehen von einzelnen bemerkenswerten Schriften (wie beispielsweise von David Freedberg[2]) vermochten diese Ansätze „von oben“ die disziplinär orientierte Wissenschaftsstruktur nicht zu erweitern. Insofern blieben auch sie noch an der Oberfläche der wissenschaftstheoretischen Wende, die einer gelingenden Interdisziplinarität notwendigerweise zugrunde liegen muss. Das größte Problem war, dass zwei Basisbereiche des Wissens, nämlich die empirische Wahrnehmungsforschung und die Kunstwissenschaften, unmittelbar verknüpft werden sollten, obwohl sie wissenschaftsgeschichtlich und wissenschaftsphilosophisch von vollkommen unterschiedlichen Stammbäumen geprägt sind. Eine Annäherung zwischen den beiden kann letztlich nur erfolgen, wenn die Wissenschaftsgenealogie der beiden Gebiete methodisch und praktisch nachvollzogen und gemeinsam diskutiert wird, wie es beispielsweise Karl Clausberg in seinem Band Neuronale Kunstgeschichteversucht.

Winfried Menninghaus – der in den vergangenen Jahren eine lange Reihe an Humboldtianer/-innen und DAAD-Stipendiaten/-innen betreut hat – ist einer der wenigen, die eine hinreichende Durchdringung der beiden Forschungsbereiche erreicht haben. Nachdem er in seinen Arbeiten zu Kant, Goethe, Hölderlin, Darwin und Benjamin präzise literaturwissenschaftliche Analysen mit komplexe theoretische Überlegungen verbunden hat, forscht er mittlerweile primär empirisch zur Wirkung von Merkmalen und Strukturen literarischer Texte auf die menschliche Wahrnehmung. Das natürliche Verhältnis zwischen diesen beiden Arbeitsfeldern – falls ein solches überhaupt angenommen werden kann – erweist sich für seine disziplinär arbeitenden Kollegen/-innen als Herausforderung und wurde bislang auch in Deutschland noch nicht im Detail thematisiert. Dabei lassen sich gerade aus Winfried Menninghaus‘ Werk wichtige Hinweise darauf ableiten, wie und in welcher Weise man geisteswissenschaftliche Theorien, Methoden, Fragestellungen und Thesen mit den Methoden und Desideraten empirischer Wahrnehmungsforschung fruchtbar verbinden kann.

Sind die Fragestellungen, die die empirische Ästhetik erläutert, wirklich grundlegend verschieden von denen, an denen Menninghaus beispielsweise in seinen Arbeiten zu Kant oder Benjamin geforscht hat? Die oben erläuterte Vielfalt und die wissenschaftshistorische Beobachtersituation der japanischen Geisteswissenschaften lässt Japan als den geeigneten Ort erscheinen, um (mit einer gewissen institutionellen und emotionalen Distanz) darüber nicht skeptisch, sondern konstruktiv und kritisch zu diskutieren. Die japanische Forschung beschäftigt sich extensiv mit Kant, Goethe, Benjamin und Leibniz und produziert im Bereich der Wahrnehmungsforschung eigene Arbeiten über Phänomene wie „Kansei“ (≈sinnlich-ästhetische Wahrnehmung) und „Kandoh“ (≈Bewegtsein). Besonders hervorzuheben ist die jüngste Ästhetiktheorie des Siebold-Preisträgers Tanehisa Otabe. Anhand der Leibniz’schen „kleinen Perzeption“ versucht Otabe, die Quelle der „Kansei“ einerseits mit Vorgängen der Wahrnehmung[3]und andererseits mit der japanischen und westeuropäischen Ästhetiktradition in Verbindung zu setzen – ein Ansatz, der als Übergang in die empirische Ästhetik zu sehen ist.Die theoretische Auseinandersetzung umfasst also sowohl Übersetzungen europäischer Schriften (z.B. von Winfried Menninghaus), als auch kritische Schriften japanischer Wissenschaftler zur empirischen Ästhetik. Otabes Studie verdeutlicht die Bereitschaft, fachübergreifend zu diskutieren und erstmals tatsächlich das Spannungsfeld zwischen den zeitgenössischen empirischen Wissenschaften und der Wissenschaftsgeschichte der Ästhetik zu beleuchten. Unser Ziel ist es, die japanische Perspektive auf die gegenwärtigen interdisziplinären Entwicklung der deutschen Wissenschaftstradition sowie ihre unabhängig vom europäischen Blickwinkel entwickelte Begriffs- und Methodentradition für Fragestellungen der empirischen Ästhetik fruchtbar machen. Das Symposium soll als Initialzündung für einen deutsch-japanischen Dialog zur empirischen Ästhetik dienen, den wir in zukünftigen Projekten fortzuführen hoffen.

 

[1]Humboldt, F. W. H. A. (1849). Ansichten der Natur, mit wissenschaftlichen Erläuterungen (Bd. 2). Stuttgart: Cotta.

[2]Freedberg, D. (1989). The power of images: Studies in the history and theory of response. Chicago: UC Press.

[3]Otabe, T. (2011). Der Begriff der “petites perceptions” von Leibniz als Grundlage für die Entstehung der Ästhetik. JTLA: Journal of the Faculty of Letters, the University of Tokyo, Aesthetics35, 41-53.